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Sein und Nichtsein

...über das Nachdenken und die Liebe zur Gegenwart


Gehirnwichsen war die Entdeckung der Tage, für mich. Kaum habe ich erkannt, dass meine Gedanken um meine Wünsche kreisen, von denen ich mir sicher bin, dass ich sie mir eh nicht erfüllen werde, habe ich begonnen, sie abzustellen. Die Gedanken und die Wünsche. Seitdem ist alles sehr viel schöner. „Könnte das mit ihr was werden?“, „Was denkt er über mich?“, „Klingt meine Stimme wirklich so scheiße wie auf dem Video?“ - völlig überflüssige Fragen, auch wenn ich sie, weil ich das Gehirnwichsen noch nicht ganz abgestellt habe, natürlich meinem Gewissen beantwortet habe. „Sicher kann das was werden, aber lass sie erstmal von der Trennung runterkommen. Ach und übrigens: Mach dir keine Hoffnung, sondern act natural!“, „Keine Ahnung, wer 'er' überhaupt ist“ und „Ja, aber wenn sie für alle so klingt und sie dich trotzdem mögen, dann ist's sicher halb so wild.“ Und diese eine Antwort pro Frage muss reichen. Den Rest regelt meine Intuition – also mein natürliches Auftreten – sicherlich in der jeweiligen Gegenwart. In echten Gesprächen über meine Stimme – weil diese Frage mich bei meiner Eitelkeit gepackt hat und diese der verletzlichste Punkt des Menschen der westlichen Welt ist – habe ich mir überlegt und gesagt, dass es im menschlichen Miteinander völlig etabliert ist, Schwächen und Hässlichkeiten zu akzeptieren. Das Denken ist positiv bestimmt. Die Fragen sind „Was ist an ihm schön? Was kann er? Was gibt er mir?“ Und so erkenne ich mehr und mehr, dass ich mich nur auf das Sein konzentrieren muss und nicht auf das Nichtsein. Das Nichtsein sind die Wünsche der Gegenwart. Sei es Zuneigung eines Menschen oder Besitz einer Sache oder Fortschritt im beruflichen Werdegang. All dies ist nicht, könnte nur eventuell sein. Ich möchte Vorfreude nicht verbieten, Hoffnung aber kritisieren. Denn sie stellt das Unsichere in den Mittelpunkt und lenkt stark von dem ab, was uns jetzt sicher gegeben ist. Sie schießt gezwungenermaßen über das Ziel hinaus. Es bedarf keines Beispiels. Jeder kennt den Moment, an dem ein Resultat hinter den Erwartungen zurückbleibt. Enttäuschung überschattet die Freude über den Teilerfolg (und man lernt nie zu genießen, dass sie eine gute Freundin ist).

Es braucht viel Mut zur Gleichgültigkeit. Viel von dem, was man gemeinhin „Ego“ oder „Charakterstärke“ nennt. Man muss lernen, dass das, was nicht ist, nicht ist. Und darüber hinaus, dass man über das, was nicht ist, nicht nachzudenken braucht. Das Gedächtnis und das Verständnis der Dinge funktionieren automatisch. Dieses „Nachdenken“ besteht nicht aus den Worten, die wir in unseren klugen Köpfen hören. Es funktioniert völlig intuitiv, lernt mit jeder Erfahrung unterbewusst hinzu und ist auf Dauer sowie spontan abrufbereit. Der gesunde, stressfreie Geist muss dazu nicht aktiv werden. Er handelt automatisch richtig. Das ist dieses „glaub an dich selbst!“-Gefasel, das Disneys sprechende Tiere immer von sich geben.

I. Kant habe Freiheit ungefähr so definiert, dass ein Mensch frei ist, sobald er zu jeder Zeit nach seinen moralischen Grundsätzen handeln kann. „Tu' alles was du willst! Und zwar so schnell wie du kannst, und so hart wie du kannst!“, hat mein Nachbar es formuliert. Kombiniert ergibt sich die Regel: „Sobald du weißt, dass dich deine Intuition nicht zu moralisch unvertretbaren Handlungen verleitet, kannst du dein gegenwärtiges Tun frei von ihr bestimmen lassen. Du brauchst nicht an dir zu zweifeln und kannst tun, was dich glücklich macht.“ Menschen, die dies sowohl begriffen haben, als auch umsetzen, haben „Eier“.


Ich wünsche viel Glück!

21.10.09 01:04

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


zillie / Website (21.10.09 01:18)
Und am Ende glaubst Du, was Du schreibst?


geltungsdrang (21.10.09 01:41)
Ich weiß. Die positive Perspektive ist untypisch für die tränenüberschwemmte Blog-o-Sphäre. Aber das da oben ist die Meinige. Falls du dich nur auf meinen Abgruß beziehst: Das ist eine bewusst paradox platzierte Formulierung. Soll so viel heißen wie "ich denke nicht an mein Publikum".

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