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Hallo, verinnerlichter Dritter,

heute schreibe ich dir einen Brief, damit ich dir die verdiente Geltung verschaffe. Ich habe ein paar Fragen an dich und hoffe, dass wir endlich Freundschaft schließen können. Da ich glaube, dass du mir ab und zu im Weg stehst, halte ich diesen Schritt für angebracht, wenn nicht sogar überfällig.

Oft habe ich geglaubt, dass ich meinen Charakter aus beobachteten Verhaltensweisen der Menschen zusammensetze, die mich umgeben. Dabei bist du es, der Masken derselben aufsetzt und mit ihren Stimmen zu mir spricht. „Nein, das kannst du nicht anziehen“ und „Tu das jetzt, du feige Schwuchtel“ sagst du mir durch ihre Münder. Könntest du dich nicht einfach in mich verwandeln? Etwas näher an mich heranrücken? Mit mir sprechen und mich nach meiner Meinung fragen? Ich befürchte, dass du mir hin und wieder verboten hast, meinem Glück nachzugehen. Es einfach geschehen zu lassen. Was konkret ich meine bleibt natürlich unter uns.

In letzter Zeit hast du dich sehr gebessert. Du bist stiller und einfühlsamer geworden. Und so konnte auch ich es werden. Habe meinen Blick von dir ziehen können und ihn auf meine realen Mitmenschen ziehen können. Ich war aufmerksamer, habe mehr gelernt und konnte Eindrücke sowohl schneller verarbeiten als auch länger verinnerlichen. Meine Wahrnehmung wurde schärfer und weniger verfärbt durch deine Einwände. „Das darf so nicht sein“ oder „Schau da nicht hin“ habe ich oft aus deinen Mündern gehört. Wieso habe ich dich in dieser Form zugelassen? Wenn ich doch gespürt habe, dass du meinem Streben nach Glück im Wege stehst.

Jetzt nimmst du dich etwas zurück, zügelst nur noch meine emotionalen Extrema. Hast gelernt, nur noch echte Katastrophen frühzeitig abzuwenden, indem du mir die richtigen Schritte an die Hand gelegt hattest. Ich glaube beinahe, dass ich gewachsen bin daran, dir deine Allmachtsfantasie zunichte zu machen. Du hast mir eintrichtern wollen, ich sei das Zentrum des Universums. Was fällt dir ein? Natürlich bin ich ein Zentrum. Aber nur das von mir selbst. Und du steckst in mir, nicht anders herum. Ich bin dein Handlanger, aber ich bin auch der „Nein“- oder „Doch“-sager.

Ich habe gehört, dass allen dieser Glaube anheimfällt, sie seien so einzigartig wie eine Schneeflocke. Das nenne man dann „Ego“. In Wirklichkeit sind wir allerdings relativ gleich. Unser Wirkungsradius ist in der Tat sehr beschränkt. In der Regel ist es nur ein Freundeskreis, ein Arbeitsplatz und ein Wohnblock. Und für den Typen, der mir in der Bahn gegenübersitzt, gilt genau das gleiche. Auch er sitzt da und sein Dritter redet ihm die ganze Zeit ein, wie besonders wichtig oder nichtig er eigentlich ist. Und weil er, wie ich, keine Ahnung hat, was er hier eigentlich soll, schaltet er ab, steckt sich Knöpfe ins Ohr und hört Musik, die nur er hört.

Hörst du das, mein liebster „Dritter“? Heute bist du mal der „Zweite“. Aber mehr wirst du nie sein. Ich bin mein Chef, du mein Kanzler. Ich bin dir dankbar für den Kleidungsstil und für die vielen guten Tipps. Aber bitte verdirb mir nicht mehr den Spaß. Ich bin mittlerweile groß, und weiß, wann ich mir die Finger verbrenne.

1 Kommentar 11.12.09 03:34, kommentieren

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Ich muss besser werden.

„Der Mensch irrt, so lang er strebt.“ Liegt in dieser Aussage verborgen, dass ich immer glaube, den falschen Weg zu gehen? Den falschen Weisungen zu folgen? Ich neige dazu, mich von den Ratschlägen meiner Freunde leiten zu lassen. Egal was sie mir sagen: Meistens habe ich das Gefühl, dass sie Recht haben und ich nicht. „Wie konnte ich nur so dumm sein?“ frage ich mich. „Wieso furze ich mitten in der Umkleide voller Menschen, die ich nicht kenne? Und das im Beisein eines Freundes, der dort allerdings Bekannte hat.“ Ich werde es nicht mehr tun. Das liegt nicht an seinem missbilligenden „Das kannst du doch nicht machen!“ und meinem Dummgefasel im Anschluss, nur um zu versuchen, die Situation ins Lächerliche zu ziehen. War gar nicht nötig. Lächerlich habe ich mich schon mit meinem offensichtlich geschmacklosen Dress gemacht. „Scheißegal-Attitüde“ habe ich es genannt, um Coolness beweisen zu wollen. Aber wie cool bin ich, wenn ich mit meinem lächerlichen Gehabe Freunde in Mitleidenschaft ziehe?

Ich habe Defizite. Eine Erziehung fand bei mir nicht statt, deswegen mache ich die einfachsten Sachen wie Umziehen in einer Sportumkleide mit mir Unbekannten zum ersten mal. Woher soll ich da die Sitten kennen? Erahnen lassen sie sich nicht. Sie kommen nur durch jahrelanges Training. Die Jahre kann ich mir aber nicht mehr nehmen, schließlich bin ich fast 24 Jahre alt, immer noch single und in der Pflicht, meinen Mann zu stehen. Also muss ich zusehen, meine Defizite schnell zu erkennen und – sei es im Dialog – aufzuarbeiten.

Was kann das Ziel einer solchen Entwicklung sein? Da ich glaube, dass es selbst den Menschen, die in besten Verhältnissen aufgewachsen sind, oft so geht wie mir, halte ich Selbstentwicklungsbedarf für jeden Einzelnen für unverzichtbar. Bei mir hat er oberste Priorität, da ich als Erwachsener täglich das Gefühl habe, bei Null zu beginnen. Also muss ich eine Routine ausfeilen, mich effizient in meiner sozialen Kompetenz zu steigern. Also gilt es, peinliche Situationen schnell von allen Seiten zu beleuchten: Bin ich schuld? Hätte ich es anders machen können? Was scheint die gängige Herangehensweise zu sein? Warum hat sie sich etabliert und keine andere? Kann ich das auch? Gereicht mir die Anpassung wirklich zum Vorteil, oder könnte Furzen bald der Umkleiden-Aftersport werden? Schließlich heißt anders sein auch Original sein. Genies haben ihre Entdeckungen dem Mut zu verdanken, etwas zum ersten mal anders gemacht zu haben.

Doch der Pfad zur Selbsterfüllung ist über weite Passagen sehr plattgetreten. Es ist angebracht, zunächst den Spuren anderer zu folgen. Immerhin war der erste, der diesen Weg gegangen ist, auch ein Genie. Und solange ich spüre, dass mich Ausflüchte von der etablierten Gangart unglücklich machen, sollte ich dem Konsens folgen.

1 Kommentar 3.11.09 01:00, kommentieren

Sein und Nichtsein

...über das Nachdenken und die Liebe zur Gegenwart


Gehirnwichsen war die Entdeckung der Tage, für mich. Kaum habe ich erkannt, dass meine Gedanken um meine Wünsche kreisen, von denen ich mir sicher bin, dass ich sie mir eh nicht erfüllen werde, habe ich begonnen, sie abzustellen. Die Gedanken und die Wünsche. Seitdem ist alles sehr viel schöner. „Könnte das mit ihr was werden?“, „Was denkt er über mich?“, „Klingt meine Stimme wirklich so scheiße wie auf dem Video?“ - völlig überflüssige Fragen, auch wenn ich sie, weil ich das Gehirnwichsen noch nicht ganz abgestellt habe, natürlich meinem Gewissen beantwortet habe. „Sicher kann das was werden, aber lass sie erstmal von der Trennung runterkommen. Ach und übrigens: Mach dir keine Hoffnung, sondern act natural!“, „Keine Ahnung, wer 'er' überhaupt ist“ und „Ja, aber wenn sie für alle so klingt und sie dich trotzdem mögen, dann ist's sicher halb so wild.“ Und diese eine Antwort pro Frage muss reichen. Den Rest regelt meine Intuition – also mein natürliches Auftreten – sicherlich in der jeweiligen Gegenwart. In echten Gesprächen über meine Stimme – weil diese Frage mich bei meiner Eitelkeit gepackt hat und diese der verletzlichste Punkt des Menschen der westlichen Welt ist – habe ich mir überlegt und gesagt, dass es im menschlichen Miteinander völlig etabliert ist, Schwächen und Hässlichkeiten zu akzeptieren. Das Denken ist positiv bestimmt. Die Fragen sind „Was ist an ihm schön? Was kann er? Was gibt er mir?“ Und so erkenne ich mehr und mehr, dass ich mich nur auf das Sein konzentrieren muss und nicht auf das Nichtsein. Das Nichtsein sind die Wünsche der Gegenwart. Sei es Zuneigung eines Menschen oder Besitz einer Sache oder Fortschritt im beruflichen Werdegang. All dies ist nicht, könnte nur eventuell sein. Ich möchte Vorfreude nicht verbieten, Hoffnung aber kritisieren. Denn sie stellt das Unsichere in den Mittelpunkt und lenkt stark von dem ab, was uns jetzt sicher gegeben ist. Sie schießt gezwungenermaßen über das Ziel hinaus. Es bedarf keines Beispiels. Jeder kennt den Moment, an dem ein Resultat hinter den Erwartungen zurückbleibt. Enttäuschung überschattet die Freude über den Teilerfolg (und man lernt nie zu genießen, dass sie eine gute Freundin ist).

Es braucht viel Mut zur Gleichgültigkeit. Viel von dem, was man gemeinhin „Ego“ oder „Charakterstärke“ nennt. Man muss lernen, dass das, was nicht ist, nicht ist. Und darüber hinaus, dass man über das, was nicht ist, nicht nachzudenken braucht. Das Gedächtnis und das Verständnis der Dinge funktionieren automatisch. Dieses „Nachdenken“ besteht nicht aus den Worten, die wir in unseren klugen Köpfen hören. Es funktioniert völlig intuitiv, lernt mit jeder Erfahrung unterbewusst hinzu und ist auf Dauer sowie spontan abrufbereit. Der gesunde, stressfreie Geist muss dazu nicht aktiv werden. Er handelt automatisch richtig. Das ist dieses „glaub an dich selbst!“-Gefasel, das Disneys sprechende Tiere immer von sich geben.

I. Kant habe Freiheit ungefähr so definiert, dass ein Mensch frei ist, sobald er zu jeder Zeit nach seinen moralischen Grundsätzen handeln kann. „Tu' alles was du willst! Und zwar so schnell wie du kannst, und so hart wie du kannst!“, hat mein Nachbar es formuliert. Kombiniert ergibt sich die Regel: „Sobald du weißt, dass dich deine Intuition nicht zu moralisch unvertretbaren Handlungen verleitet, kannst du dein gegenwärtiges Tun frei von ihr bestimmen lassen. Du brauchst nicht an dir zu zweifeln und kannst tun, was dich glücklich macht.“ Menschen, die dies sowohl begriffen haben, als auch umsetzen, haben „Eier“.


Ich wünsche viel Glück!

3 Kommentare 21.10.09 01:04, kommentieren

Natürlich

So natürlich wie es für uns heute ist, kein Feuer zu machen, um warmes Wasser zu bekommen, so natürlich wird es für unsere Folgegeneration sein, nicht vor die Tür gehen zu müssen, um Menschen kennenzulernen.

Mehr folgt. 

12.8.09 13:32, kommentieren

Das Genie der Masse

Quelle: http://www.americanpoems.com/poets/Charles-Bukowski/4442

Es gibt genug Verrat, Hass, Gewalt, Absurdität im Durchschnittsmenschen, um jegliche Armee an jedem beliebigen Tag damit zu versorgen.

Und die Besten im Mord sind die, die dagegenpredigen.
Und die Besten im Hassen sind die, die die Liebe predigen.
Und die Besten im Krieg, schließlich, sind jene, die für den Frieden propagieren.

Jene, die Gott anbeten, brauchen Gott.
Jene, die Frieden propagieren, brauchen Frieden.
Jene, die Frieden propagieren, haben keine Liebe.

Nehmt euch in Acht vor den Predigern,
Vor den Wissern,
Vor denen, die immer die Bücher lesen.
Vor denen, die entweder Armut hassen,
oder stolz darauf sind.
Vor denen, die eilig hochloben,
da diese gelobt werden wollen.
Vor denen, die schnell zensieren,
da sie Angst vor dem haben, was sie nicht kennen.
Vor denen, die stets die Gruppe suchen,
da sie alleine nichts sind.
Vor dem Durchschnittsmann und der Durchschnittsfrau,
vor ihrer Liebe, ihre Liebe ist Durchschnittlich,
sucht das Durchschnittliche

Aber ihr Genie ist der Hass.
Es gibt genug Genie in ihrem Hass, um dich zu töten.
Jeden zu töten,
der nicht die Einsamkeit will,
der nicht die Einsamkeit versteht.
Sie werden versuchen, alles zu zerstören,
das sich von ihnen unterscheidet.
Unfähig, Kunst zu kreieren,
werden sie Kunst nicht verstehen.
Sie werden ihr Versagen als Schöpfer
bloß als Versagen der Welt ansehen.
Nicht fähig, ganzheitlich zu lieben,
werden sie deine Liebe für unvollständig halten,
und dann werden sie dich hassen,
und ihr Hass wird perfekt sein.

Wie ein schimmernder Diamant
Wie ein Messer
Wie ein Berg
Wie ein Tiger
Wie die immergrüne Hemlocktanne

Ihre höchste Kunst.

2 Kommentare 18.2.09 20:53, kommentieren

Nettsein 2.0

Der kleinste gemeinsame Nenner des täglichen Miteinanders ist das Lächeln und die unpersönliche Diskussion. Interessant wird es erst unter vier Augen. Und ob dann etwas von Belang gesagt wird.. das steht noch einmal auf einer anderen website.

Das Bloggen und der Chat eröffnen seit geraumer Zeit eine vermeintliche Option, Kram abzuladen, den man für bedeutungsvoll erachtet. Doch beobachte ich immer mehr Menschen dabei, wie sie innerlich zerfallen in einen introvertierten Charakter im wahren Leben, der nickt und lächelt und - wenn man ihm ehrlich begegnet, die Tür zuschlägt. Dann kommt der virtuelle Charakter heraus, loggt sich ein und verfasst eine böse Botschaft via Internet und man fragt sich "wieso sagt er mir das nicht einfach?"

Es ist der Anstand und die Fluchtoption. Er erspart sich die Pein des Blickkontaktes, die echte Konfrontation. Im Internet gibt es kein Stottern, keinen kalten Schweiß, keins auf die Fresse. Aber auch keinen Sex. Es handelt sich hierbei bloß um eine entmenschlichte Parallelwelt. Zwar spielen sich auch Berufs-/Schul-/Studien-Alltag schon lange Zeit nur noch auf Kopf-Ebene ab, und wir werden im selbigen auch zur emotionalen Abstinenz gezwungen, doch dürfen wir nicht unsere Natur vergessen.

Sie braucht Hass, Liebe, Wut, Kampf und Zärtlichkeit. Diese findet man nur in der wahren Konfrontation mit dem Mitmenschen, wenn man seinen Mundgeruch riechen und seinen Schweiß auf der Stirn sehen kann. Unser Geist, dem wir unser Leben verschreiben sollen, steckt in einem Körper, der sich nach etwas ganz anderem sehnt, als nach intellektueller Erfüllung. Zu viele Entsagungen bestraft er mit Übergewicht, Ekzemen, Skoliose, Insomnie - aber vor allem mit psychischen Störungen.

So kann sich der virtuelle Mensch, der ja bloß nett sein wollte, sein echtes Leben zur Hölle machen, weil er den ganzen Tag nichts tat, als vor sich selbst wegzulaufen.

XX: RL!
YY: wtf?
YY:
lnk?

1 Kommentar 17.2.09 21:38, kommentieren

Stellvertretersex

Tage und Wochen hat er sie liebkost, umarmt, gevögelt. Dabei immer in ihre Augen gesehen. Er will ihr etwas sagen. Aber er kann sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Ihm fällt immer nur der eine ein, von dem er aber weiß, dass es nicht der ihre ist. Dann fällt ihm auf, dass er die Worte, die ihm so plötzlich auf dem Herzen liegen, auch gar nicht ihr sagen möchte. Mit wem redet er eigentlich die ganze Zeit? Dann merkt er, dass sie gar nicht da ist. Er erbleicht, dreht sich um und schläft, kalt schwitzend, schwerlich ein.

17.2.09 16:42, kommentieren